Es ist nicht deine Schuld. Und es sollte nicht dein Problem sein.
- soco384
- 13. Jan.
- 3 Min. Lesezeit

Wenn du beim Lesen dieser Worte Erleichterung verspürst, dann ist das kein Zufall. Diese Erleichterung ist kein sentimentaler Effekt, kein „endlich sagt es mal jemand“. Sie ist ein Hinweis darauf, dass etwas in dir schon lange wusste, dass die Geschichte, die man dir erzählt hat, nicht vollständig war.
Viele Frauen sind in den letzten Jahren müde geworden. Nicht ein bisschen erschöpft, nicht „ich brauche mal Urlaub“-müde. Sondern auf eine tiefere, stillere Weise. Eine Müdigkeit, die sich nicht mehr durch Schlaf beheben lässt. Eine Erschöpfung, die irgendwann in Zweifel kippt. An sich selbst. An der eigenen Wirksamkeit. An der Frage, ob man irgendwo falsch abgebogen ist.
Und fast immer richtet sich dieser Zweifel nach innen.
Was habe ich übersehen?Warum schaffe ich das nicht?Warum funktioniert es bei anderen – und bei mir nicht?
Was dabei selten hinterfragt wird, ist der Rahmen, in dem diese Fragen überhaupt entstehen konnten.
In den letzten Jahren hat sich etwas Verschiebendes, aber sehr Wirksames etabliert: Probleme, die struktureller Natur sind, wurden schleichend individualisiert. Überlastung wurde zur Frage der Resilienz. Orientierungslosigkeit zur Mindset-Sache. Erschöpfung zum Zeichen mangelnder Selbstführung. Komplexität zur persönlichen Organisationsschwäche.
Die Botschaft war subtil, aber eindeutig:Wenn du nicht klarkommst, liegt es an dir.
Nicht an Arbeitsverdichtung.Nicht an widersprüchlichen Anforderungen.Nicht an Systemen, die permanent Veränderung fordern, aber kaum Halt geben.Nicht an gesellschaftlichen Erwartungen, die Verantwortung privatisieren und gleichzeitig Sicherheit abbauen.
Es lag angeblich an deiner inneren Haltung.
Also hast du reagiert, wie viele kluge, verantwortungsvolle Frauen reagieren: Du hast nachjustiert. Gelernt. Optimiert. Dich reflektiert. Dir Fragen gestellt. Dich infrage gestellt. Du hast getragen, kompensiert, vermittelt. Du hast Lücken geschlossen, wo andere sie hinterlassen haben. Du hast funktioniert – oft länger, als es gesund war.
Nicht aus Schwäche.Sondern aus Kompetenz.
Gerade reflektierte, wahrnehmungsstarke Frauen sind besonders anfällig für diese Verschiebung. Weil sie Zusammenhänge sehen. Weil sie Verantwortung fühlen. Weil sie nicht einfach abschalten, wenn etwas nicht stimmig ist. Und weil sie gelernt haben, dass Anpassung eine Tugend ist.
Was dabei kaum Raum bekommt: Dass Anpassung an dysfunktionale Systeme kein Zeichen von Stärke ist, sondern auf Dauer krank macht.
Viele der Zustände, die heute als individuelle Krisen beschrieben werden, sind in Wahrheit logische Reaktionen auf langfristige Überforderung. Erschöpfung ist kein Defekt. Sie ist Information. Sie zeigt an, dass du zu lange gegen etwas in dir gelebt hast. Gegen dein eigenes Tempo. Deine Grenzen. Dein inneres Wissen darüber, was tragfähig ist – und was nicht.
Das Tragische ist nicht, dass Menschen müde werden.Das Tragische ist, dass sie glauben, sie müssten sich dafür reparieren.
Noch mehr Disziplin.Noch ein Ansatz.Noch ein Tool.Noch eine Version von sich selbst.
Doch das hält den Kreislauf nur am Laufen.
Was jetzt nicht hilft, ist ein weiterer Neuanfang. Keine Selbstoptimierung. Kein heroisches „Jetzt erst recht“. Und auch kein Rückzug in Passivität. Was gebraucht wird, ist etwas Radikaleres – und gleichzeitig Leiseres.
Klarheit.
Klarheit darüber, wo Verantwortung hingehört.Klarheit darüber, wo du deine Macht abgegeben hast – nicht aus Unachtsamkeit, sondern weil es von dir erwartet wurde.Klarheit darüber, dass nicht alles, was du getragen hast, deines war.
Radikale Selbstermächtigung bedeutet in diesem Sinne nicht, alles schaffen zu können. Sie bedeutet, wieder Autorin des eigenen Lebens zu werden. Nicht als Projekt. Nicht als permanente Baustelle. Sondern als erwachsene, souveräne Instanz.
Das ist kein Neuanfang.Es ist ein Zurück-zu-dir.
Und vielleicht ist genau das der Moment, in dem Erschöpfung nicht länger das Ende markiert – sondern die Schwelle zu etwas Ehrlicherem.
Wenn diese Worte dich nicht antreiben, sondern entlasten, dann liegt das nicht an Emotion. Dann liegt es daran, dass Wahrheit wirkt. Still. Unaufgeregt. Und oft mit einem leisen Aufatmen.



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